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Bologna und was es bedeutet zu studieren

Vor einigen Semestern, genau in einer solchen mit Vorfreude und Anspannung geladenen Zeit bin ich auf eine Übung zum europäischen Humanismus gestoßen. In der Beschreibung hieß es: die Übung ist als Quellenkurs konzipiert, [in welcher] Schlüsseltexte der Bewegung intensiv gelesen, analysiert und historisch eingeordnet werden. Vorgesehen sind […] Texte von Petrarca, Pico della Mirandola, Machiavelli, Thomas Morus („Utopia“), Erasmus, Juan Luis Vives und Montaigne („Essais“).”

Direkt war ich fasziniert. Genau dafür studiere ich, dachte ich. Geschichte untrennbar verwoben mit Philosophie und Theologie. Ich kann die Aufregung, die ich an diesem Tag fühlte, heute noch spüren. (Ja, es klingt übertrieben, aber es ist wirklich so!) Dieses unvergleichliche Schwebegefühl zu verspüren, wenn man merkt, dass man den richtigen Weg eingeschlagen hat; oder langsam beginnt seinen Platz in der Welt zu finden.

Obwohl die zeitlichen Gegebenheiten die Belegung der Veranstaltung schwierig machten, entschied ich mich den Kurs zu besuchen. Wie in dem kleinen Informationstext versprochen, analysierten wir diese einflussreichen Texte ausführlich. Jeden Mittwoch Abend fand ich mich in einem gemütlichen aber unförmigen Raum im vierten Stock eines alten Universitätsgebäudes wieder, gefüllt mit (zumeist) begeisterten jungen Menschen, die über Jahrhunderte alte Texte diskutierten. Diese Texte veränderten buchstäblich die Welt. Sie wurden gelesen, vernichtet, verachtet, bewundert und gehasst. Auch wir, die in einer radikal anderen Realität leben, gehören zu den Menschen, die durch diese Texte beeinflusst wurden.

Ja, dachte ich wieder, das ist es. Das ist studieren im Sinne der Alten”. Das ist es was ich immer wollte.

Gegen Ende des Semesters wurde mir bewusst, dass ich die kleine Hausarbeit, die als Bedingung für die 4 ECTS (Leistungspunkte) festgesetzt worden war, nicht schaffen würde. Mein Sohn wurde zu dieser Zeit gerade ein Jahr alt, meine Frau ging nach einem Jahr Elternzeit wieder zur Arbeit und ich wusste nicht, wann und wie ich diese Hausarbeit schreiben sollte. Ich kontaktierte den Dozenten des Kurses um ihn zu fragen, ob ich die Arbeit ein Semester verschieben könnte. Leider war das aufgrund der Prüfungsordungen nicht möglich.

Da war es. Der Bologna-Prozess. Die modularisierte Hölle.

Obwohl der Verlust” der Punkte nicht schlimm war, löste dieses Erlebnis ein Denkanstoß aus, der mich bis heute begleitet.

Fragen wie, was ist das Ziel eines geisteswissenschaftlichen Studiums, und: was ist die Realität in der Universität, beschäftigen mich in dieser Zeit. Wir kennen alle die Scherze, die nicht zu Unrecht auf die unweigerliche Arbeitslosigkeit von Germanisten und Historikern abzielen. Aber was ist es also, das Ziel?

Ich denke das Ziel ist Denken zu lernen.

Diese Erkenntnis ist die Voraussetzung für meine Gedanken zu Bologna und dem Universitätsleben.

Schon viel Druckertinte ist mit der teilweise hitzigen Diskussion über die Vor- und Nachteile des Bologna-Prozesses verschwendet worden. Der Name der Hochschulreform geht auf die 1999 in Bologna gehaltene Bildungsministerkonferenz zurück, die unter anderem eine europaweite Vereinheitlichung der Studiengänge zum Ziel hatte. An dieser Stelle soll der Hinweis genügen, dass das deklarierte Hauptziel der Bologna-Reform die Schaffung eines Europas des Wissens war. Sie hebt die (1) Förderung der Mobilität, die (2) arbeitsbezogene Qualifizierung der Bürger und (3) die Wettbewerbsfähigkeit europäischer Universitäten und Hochschulen hervor.

Ob sich diese Ziele verwirklicht haben, lässt sich nicht so einfach beantworten. Hier möchte ich nur beschreiben, welchen Einfluss ich in meinem begrenzen Umfeld sehe und einige Vorschläge machen, wie man richtig studieren” kann.

Vorab: Jede Kritik an großen, Langzeit-Programmen ist auf bestimmte subjektive Beobachtungen gestützt. Sicherlich hat die Bologna-Reform viele Vorteile für die Studierenden und die Universitäten gebracht. Zum Beispiel die weitreichende Möglichkeit im europäischen Ausland zu studieren. Meine Beobachtungen verdeutlichen einige negative Folgen der Reform.

Die Modularisierung ist eine Manifestation einer (zumeist) zu starren Strukturierung der Studiengänge. 1 Der sich aus dieser Starrheit” entwickelnde Fokus auf studienbegleitende Prüfungen” kann in vielen Studiengängen zu einer regelrechten Flut an Modul- oder Kursabschlussprüfungen führen, die den Blick der Studierenden weniger auf das Lernen im eigentlichen Sinn lenken, sondern mehr auf das, was man für die Prüfungen (auswendig) lernen muss. Die aus der Modularisierung entstehenden Verschulung der Universität zeigt sich oft an (1) starren Stundenplänen, (2) angeleitetem anstatt eigenständigem Lernen, (3) hoher Kontrolldichte” und (4) permanenter Anwesenheitspflicht.2

All diese genannten Entwicklungen sehe ich in meinem kleinen Blickfenster in das universitäre Leben. Doch was für einen Effekt haben diese Veränderungen auf die Studierenden, Dozenten und Dozentinnen?

In einer Studie von Martin Winter und Yvonne Anger 3 sehen Lehrende einen neuen Typus des Studierenden”, den sie den Folgen der Bologna-Reform zuschreiben. Die internistische Motivation werde durch externe Leistungsanreize (insbesondere Noten und Leistungspunkte), mehr noch: durch externen Leistungsdruck verdrängt.”4 Auch Dozierende erfahren dadurch auch einen Mentalitätswandel, der sich in einer Verschlechterung” der Lehre sichtbar macht.

Dieser Mentalitätswandel in den Studierenden ist sicherlich nicht ausschließlich auf die Bologna Reform zurückzuführen. Wie alles im Leben hat auch diese Entwicklung unzählige Auslöser und Faktoren.

Aus meiner, noch einmal, sehr begrenzten Blick auf die Universität bleibt aber festzuhalten, dass die Bologna-Reform eine Abweichung vom Humboldt’schen Bildungsideal, hin zur Berufsbezogenheit und hin zu den wirtschaftlichen Interessen darstellt.

Meine These ist, dass Besonders die Geisteswissenschaften unter dem Fokus auf die Beschäftigungsfähigkeit (engl.: Employability) leiden.

Es ist leicht in einem kurzen Text zum richtigen studieren” eine Rückkehr zum Humboldt’schen Bildungsideal zu fordern. Ob diese Forderung gerechtfertigt und richtig sind, soll zur Diskussion stehen.

Nichtsdestotrotz wünschte ich mir, dass die durch die (1) Modularisierung verursachte Suche nach Lehrveranstaltungen, die man noch braucht”, ein böser Traum der Bologna Reform werden kann. (2) Dass der Fokus der Prüfungsordnungen weniger auf der Kontrolle des gelernten Materials liegt, sondern auf der kritischen Auseinandersetzung mit einem Thema in Form von Essays und Hausarbeiten. Am besten mit rascher, wiederholter und genauer Rückmeldung. (3) Dass Dozenten und Dozentinnen den Studierenden das eigenständige Lernen und Denken zutrauen und dann aufgrund der hohen Erwartungen viel Verlangen.

Glücklicherweise hatte ich in meinem Studium bisher einige Dozenten, die mir diesen Traum vorgelebt haben. Die kompromisslos auf die Eigenständigkeit und Freiheit der Studierenden beharrt haben und mich ein Stück näher an die Vorstellung, die ich richtig studieren” nenne, geführt haben.

Was hätte nun meine Begegnung mit den großen europäischen Humanisten noch besser gemacht? Klar, ich hätte einfach diese Hausarbeit schreiben können. Aber eine unfertige, halbherzige Arbeit abzuliefern, nachdem man das ganze Semester die tiefgründigen Gedanken dieser Philosophen gelesen hatte, schien mir auch nicht richtig. Meinem erfahrenen Dozenten waren die Hände durch die Prüfungsordnung gebunden. Ein Verschieben der Arbeit war nicht möglich.

Was mir bleibt ist eine Meditation über die Segnungen und Flüche der europäischen Bologna-Reform. Die Erkenntnis, dass es keine einfachen Erklärungen für komplexe Probleme gibt. Und, dass es im Leben immer Mentoren gibt, die einem den richtigen Weg vorleben. Ich, als Zwerg stehe, wie Bernard von Chartres so treffend gesagt hat, auf den Schultern von Riesen.

So habe ich diese Erfahrung einfach aufgesogen. Ohne Aufzeichnung in meinem Punktekonto”. Ohne Berufsorientierende Kompetenz und ohne Blick auf meine Berufschancen.

Ich habe einfach Studiert.


Literatur

Winter, Martin: Bologna — die ungeliebte Reform und ihre Folgen, in: Hericks, Nicola (Hg.): Hochschulen im Spannungsfeld der Bologna-Reform: Erfolge und ungewollte Nebenfolgen aus interdisziplinärer Perspektive, Wiesbaden 2018, S. 286.

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Winter, Martin: Bologna — die ungeliebte Reform und ihre Folgen, in: Hericks, Nicola (Hg.): Hochschulen im Spannungsfeld der Bologna-Reform: Erfolge und ungewollte Nebenfolgen aus interdisziplinärer Perspektive, Wiesbaden 2018, S. 288.

↩︎
Winter, Martin/Anger, Yvonne: Studiengänge vor und nach der Bologna-Reform: Vergleich von Studienangebot und Studiencurricula in den Fächern Chemie, Maschinenbau und Soziologie, Lutherstadt Wittenberg 2010 (HoF-Arbeitsberichte, 2010,1).

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Winter, Martin: Bologna — die ungeliebte Reform und ihre Folgen, in: Hericks, Nicola (Hg.): Hochschulen im Spannungsfeld der Bologna-Reform: Erfolge und ungewollte Nebenfolgen aus interdisziplinärer Perspektive, Wiesbaden 2018, S. 289.

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