|||

Gastbeitrag: Farbe bekennen

von Wolfgang Schäfer

Ich möchte heute als Gastschreiber ein paar Gedanken mit allen Lesern dieses Blogs Denkversuche” teilen.

Dabei werde ich ein chemisches Experiment voranstellen, welches wir sicherlich alle irgendwann im Chemieuntericht etc. kennengelernt haben. Ich meine den sogenannten Lackmustest”.

Per Definition ist der Lackmustest eine Prüfmethode zum Nachweis des pH- Werts (Skala von 0-15 zur Einordnung in saure oder alkalisch/basisch Eigenschaften einer Substanz) mit dem Reagenzmittel Lackmuspapier. Lackmus ist ein aus Pflanzen gewonnener, blaulila aussehender Farbstoff, der bei ansteigendem ph-Wert seine Farbe verändert und somit zur Bestimmung von Säuren (Rotfärbung) und Basen (Blaufärbung) geeignet ist.

Wasser bildet dabei mit einem pH-Wert von 7, den neutralen Mittelwert— Aber auch in Bezug auf unser allgemeines zwischenmenschliches Miteinander lässt sich der Lackmustest” sehr gut anwenden. In diesem Zusammenhang bekommt die Aussage, dass wir, oder jemand anders Farbe bekennen muss” eine besondere Bedeutung.

Wir neigen als Menschen oft dazu, eine neutrale Position einnehmen zu wollen. Bei irgendwelchen Entscheidungen sagt man dann z.B. ist mir egal” um auszudrücken, dass man mit jeder anderweitig getroffenen Entscheidung leben kann. Dabei ist diese Geisteshaltung in Entscheidungsprozessen sehr oft in Wahrheit der eigenen Bequemlichkeit geschuldet, denn es ist ja einfacher andere entscheiden zu lassen, da man sich damit ja auch automatisch von einer diesbezüglichen Verantwortung entkoppelt. Und überhaupt: Wer sich neutral verhält, läuft auch weniger Gefahr anzuecken”, oder?

Die zweite menschliche Vorgehensweise, die man oftmals dann anwendet, wenn niemand anders entscheiden will, kann oder soll, ist die externe Entscheidungfindung” durch das werfen einer Münze”, das auswürfeln, oder gar per Losentscheid, Zufallsgenerator etc. Dabei ordnen sich die beteiligten Parteien dieser Entscheidungsfindung dann unter, da ja z.B. bei Entscheidungen a la Kopf oder Zahl”, die Chancenverteilung 50/50, als fair, gerecht und somit annehmbar erscheint.

Bei bestimmten Situationen ist eine solche Vorgehensweise sogar sinnvoll, da dadurch Entscheidungsprozesse trivialerer Natur (z.B. welches Team beim Spiel anfangen darf etc.) signifikant verkürzt werden können.

Entscheidungsprozesse können in der Tat anstrengend sein, da man sich die jeweiligen Optionen vor Augen führen muss, um aktiv die Konsequenzszenarien der jeweiligen Entscheidung pro/contra” durchzugehen. Dies ist allerdings Voraussetzung, um eine vernunftgesteuerte Entscheidung zu treffen.

Ob es uns also gefällt oder nicht, es gibt viele Situationen, in denen es einfach nicht mehr möglich sein wird neutral zu bleiben, denn man muss sich für die eine, oder aber die andere Seite der menschlichen pH- Wertskala (“pH” steht dabei für persönlichen Humanismus”) entscheiden. Ein früherer Arbeitskollege aus Italien drückte es immer so aus: Lebe, und lebe lasse!”

Wenn wir dieses als Verhaltensmaxime in Entscheidungsprozessen anwenden, kann die Menschlichkeit niemals auf der Strecke bleiben, da wir ja nicht nur unseren eigenen Vorteil im Blick haben, sondern auch in dieser - ja ich möchte es sogar als christliche Grundhaltung bezeichnen die Bedürfnisse, Gefühle von anderen ins Entscheidungskalkül mit einbeziehen werden.

In diesem Sinne,wünsche ich uns allen eine spannende Woche in der wir viele Entscheidungen treffen dürfen, bzw. wenn wir das diesbezügliche Heft des Handels” aus der Hand geben, andere für uns treffen werden. Die diesbezügliche Vorentscheidung, treffen wir durch eigenes Engagement, oder eben durch Passivität . . .

Herzlichen Dank an meinen guten Freund Wolfgang, der mir in so vielem, vor allem aber in seiner Beständigkeit, ein großes Vorbild ist.


Nächster Text Zwei Gedanken zum Vergleichen Blog-Update
Letzte Texte Über die trügerischen Weisheiten in Zitaten Der tatsächliche Preis von WhatsApp Gastbeitrag: Gedanken zur Solidarität in der Krise Gedanken müssen erschaffen werden Die Kunst der Langeweile Uns geht es zu gut Warum Geschwindigkeit zählt Bologna und was es bedeutet zu studieren Die wichtigste Frage Die einzige Konstante des Lebens oder eine Meditation über den Sinn des Lebens Vom Stolpern und der Einsicht Blog-Update Gastbeitrag: Farbe bekennen Zwei Gedanken zum Vergleichen Wir ertrinken in Informationen Von der Wirklichkeit und der Beständigkeit Jahresrückblick 2019 - Was habe ich gelernt? Was bin ich bereit zu opfern? Wie ich durch das Schreiben denken lerne