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Gastbeitrag: Gedanken zur Solidarität in der Krise

von Nicolas Gehlert.

Hallo Sönke, Hallo Jonas,


Ich möchte hier gerne noch ein paar Gedanken zu Denkversuche-Podcast Episode 15 Über die Solidarität in der Krise” loswerden, da ihr nach meinem Empfinden manche Punkt falsch oder zu oberflächlich behandelt habt.
Zuerst möchte ich allerdings kurz Einsteigen und meine Meinung zu Querdenken“ loswerden. Ihr habt das Thema nur kurz angerissen, und wollte beide weder richtig angreifen“ noch verteidigen“. Ich für meinen Teil finde, dass diese Bewegung gar nicht genügend angegriffen wird und sie absolut unsolidarisch und demokratiefeindlich ist.


Eine Bewegung, von der ein Drittel der Teilnehmenden bei Demos rechtsextrem ist [1], sich nachweislich nicht an Auflagen hält und Polizeiaufforderungen bewusst ignoriert oder sich widersetzt, ist es nicht wert verteidigt“ zu werden. Selbst wenn berechtigte Bedenken geäußert würden, werden diese nichtig und verlieren sämtliche Daseinsberechtigung solange man es erlaubt, dass die eigene Bewegung so von Rechtsextremen und Nazis missbraucht wird. Und es kann sich niemand hinter Aussagen wie die sind ja nicht alle so“ oder das hab ich nicht gewusst“ verstecken. Dann ist man in meinen Augen einfach bewusst blind auf dem rechten Auge und nimmt das willentlich in Kauf - für solche Aussagen ist die Quote einfach viel, viel zu hoch. Vielleicht ein etwas Überspitztes anschauliches Beispiel: Du gehst abends mit 5 Freunden etwas trinken und zwei davon verprügeln in der Pause einen Migranten, der auf seinem nach Hause weg ist…. Das ist die Quote…
Eine Bewegung, die als Kollektiv ein junges Mädchen in der S-Bahn anschreit, weil sie eine Maske aufhat [2] oder Busfahrer Passagiere auffordern ohne Maske einzusteigen [3] oder - und das alleine wäre für mich ein Grund, jeglichen Kontakt zu dieser Bewegung zu unterbinden - seine eigenen Kinder bei Demos bewusst in die erste Reihe stellen, damit man sicher ist vor Wasserwerfern, [4] hat nichts in einem freien und demokratischen Land zu suchen.


Eine Jana aus Kassel“, die sich selbst mit Sophie Scholl, einer Widerstandskämpferin der Hitler-Zeit, vergleicht, weil sie im Sommer eine Maske tragen musste, ist ja wohl an Maßlosigkeit kaum noch zu überbieten. (Um an dieser Stelle mal unseren Außenminister zu zitieren Wer sich heute mit Sophie Scholl oder Anne Frank vergleicht, verhöhnt den Mut, den es brauchte, Haltung gegen Nazis zu zeigen. Das verharmlost den Holocaust und zeigt eine unerträgliche Geschichtsvergessenheit. Nichts verbindet Coronaproteste mit Widerstandskämpfer*Innen. Nichts!“ [5])
Es gibt noch zahllose weitere Beispiele und ich finde es ist die Verantwortung jedes einzelnen Mitglieds von Querdenken“, sich damit zu beschäftigen und sich bewusst zu machen, ob man das unterstützen will.

Ihr habt auch viel über Freiheit, die Würde des Menschen und Leben schützen um jeden Preis gesprochen. In meinen Augen ist in der Corona-Pandemie nicht das höchste Ziel gewesen, das Leben jedes einzelnen um jeden Preis zu schützen, sondern jedem zumindest die gleiche Chance zu ermöglichen. Alleine die Tatsache, dass wir im 21. Jahrhundert einmal in Europa über eine Triage sprechen, ist für mich eigentlich unvorstellbar. Und Beispiele dazu gibt es ganz konkret aus Straßbourg [6] oder einer Klink in Sachsen [7]. Das geht sogar so weit, dass sich schon Bischöfe zu Wort melden, welche Kriterien denn jetzt ausschlaggebend sein sollen und welche nicht [8]. Darf das Alter eine Rolle spielen? Vermutliche restliche Lebenserwartung? Familiengröße? …


Ich glaube viele können gar nicht begreifen, was das eigentlich bedeutet, solange sie nicht selber betroffen sind. Aber wenn die eigene Oma oder vielleicht sogar der Bruder oder ein sonstiger Familienteil nicht mehr behandelt werden kann, weil die Kliniken zu voll sind, glaube ich, wenn das bei allen sacken würde, wären die meisten vermutlich deutlich bereiter, Einschränkungen hinzunehmen. Aber es ist wie so oft, das Unglück trifft ja nicht einen selbst, sondern andere. Und unter diesem Aspekt ist es ja wohl kaum verwunderlich, warum jetzt Silvester gecancelt ist. Das ist keine Raketenwissenschaft. Es gibt jahrelang gesammelte Daten darüber, wie viele Menschen sich jährlich an Silvester verletzen, wie viele davon auf der Intensiv landen und so weiter. Dinge ändern sich. Wer an Silvester ohne Böller nicht gut ins neue Jahr starten kann“ oder das aus sonstigen emotionalen Gründen braucht, hat sein Leben nicht mehr im Griff.


Wir müssen an dieser Stelle aufpassen, Freiheit nicht mit Luxus zu verwechseln. In Winterberg und der Eifel und auch einigen anderen Gebieten kommt es zu einem riesigen Tourismusproblem (Selbst hier bei uns im Schwarzwald höre ich täglich Meldungen über lange Staus auf dem Feldberg und Schauinsland). Zu viele Leute auf zu kleinem Raum [8]. Klar frische Luft tut gut, allerdings kommt es dann auch vermehrt zu Situationen, bei denen Kontakte bzw. Ansteckungen passieren können. Um nochmal ganz kurz zu meinem vorherigen Punkt zurück zu kommen: Wenn man nach Österreich schaut [9] und sich die Skilifte und Pisten anschaut, glaube ich kaum, dass der durchschnittliche Arbeiter dort Skifahren geht. Das ist vermutlich hauptsächlich die Mittel- bzw. gehobene Mittelschicht. Und wenn die Zahlen dann wieder steigen, leiden zu Hause vor allem die unteren Schichten. Freiheit hat nichts damit zu tun, ob ich Skifahren gehen kann oder nicht.


Jonas hatte auch ganz kurz den Klimawandel angesprochen. Meiner Meinung nach müssen wir uns in Zukunft öfter über den Begriff Freiheit“ unterhalten. Ich halte es für nicht ausgeschlossen, dass es irgendwann Beschränkungen geben wird, wie viel man z.B. mit dem Auto fahren oder mit dem Flugzeug fliegen darf. Bin ich nicht mehr frei, wenn ich im Sommer keine 2 Wochen Urlaub am Ballermann auf Mallorca machen kann? Oder nicht jährlich zu meinen Freunden nach Los Angeles fliegen kann? Vielleicht muss man in Zukunft dann segeln oder mit einem anderen Schiff fahren und ist dafür halt länger unterwegs - dann weiß man wenigstens die Reise mehr zu schätzen. Nichts desto trotz bin ich der Meinung, dass wir immer noch ohne Probleme von Freiheit sprechen können, auch ohne Urlaub auf Malle.  


In der Diskussion eurer Folge hattet ihr ja das Beispiel des Altenheims genannt. Wie ihr bereits gesagt habt, war die Situation auch vor der Pandemie schon schlecht, seitdem hat sie sich nicht verbessert. Hier ist echte Solidarität gefragt. Aus Rücksicht auf die anderen Patient:inen müssen Besuche unterbunden werden - solange es keine alternativen Konzepte gibt, doch dazu gleich mehr. Ich für meinen Teil wäre deutlich trauriger, wenn ein Angehöriger im Altenheim verstirbt, weil z.B. der Zimmernachbar Besuch hatte und jemand trotz kleinem Husten“ meint, er müsse seinen Opa besuchen. Das wäre ohne weiteres vermeidbar gewesen. Sönkes Vorschlag mit Schleusen und Schnelltests finde ich super. Er scheint in der Praxis allerdings schwer umzusetzen zu sein. Dafür fehlen ausreichende Schnelltests sowie das entsprechende Personal, von Vorrichtungen dafür mal ganz abgesehen. Dann ist die Frage wie investieren wir unser Geld in der Pandemie? War es jetzt wirklich notwendig, der Lufthansa 9 Mrd. Euro [10] zuzustecken oder hätten wir das Geld vielleicht besser in Pflegedienstes sowie unsere Kliniken gesteckt? Und natürlich kann man sich über Amazon und Jeff Bezos aufregen, die wenig bis gar keine Steuern zahlen und deswegen nichts zu unserer Gesellschaft beitragen. Aber was ist denn mit unseren Superreichen, wie ALDI, LIDL oder BMW Inhaber:innen oder Teilhaber:innen? Warum fordern wir von denen nicht im gleichen Maß Solidarität und Gemeinschaft? Aber das ist vermutlich eine Diskussion für sich.
Ein Gesundheitssystem, das im 21. Jahrhundert immer noch gewinnorientiert arbeitet, ist früher oder später zum Scheitern verurteilt - Und das gilt sowohl für unsere Kliniken als auch für Pflegedienste.

Zu guter Letzt möchte ich noch ganz kurz auf die Maßnahmen-Debatte“ eingehen. Ich finde, wir haben das ganze Jahr über Maßnahmen diskutiert, und ein Stück weit kann ich Sönke verstehen, wenn er sagt ohne wirklich über Maßnahmen zu diskutieren“. Ich finde, wir haben die Diskussionen falsch geführt. Wir haben uns an Kleinigkeiten festgehalten, jedes Bundesland an anderen Zahlen. Dann deklarieren manche Bundesländer andere Bundesländer als Risikogebiet, man streitet sich, ob die Grenze jetzt bei einer 7-Tages-Inzidenz von 50 oder von 100 liegt? Ab welcher Klasse ist kein Präsenzunterricht mehr? 1, 2, 3, 4 oder doch erst 5?
Anstatt, dass man über die Maßnahme an sich diskutiert, hängt man sich irgendwie an solchen Zahlen fest. Und bei all dem wird in meinen Augen viel zu wenig auf die Wissenschaft gehört. Die regelmäßigen Empfehlungen gibt, die man aber scheinbar politisch wegdiskutieren kann… Es erschließt sich mir zwar nicht wie das möglich ist, aber naja…


Zumindest haben wir es mittlerweile geschafft, einheitliche Regelungen für ganz Deutschland zu schaffen. Aber siehe da, auch hier gibt es direkt Beschwerden von Gaststätten in Gebieten mit niedrigen Fallzahlen, dass die jetzt auch leiden, weil es in Sachsen hohe Fallzahlen gibt.

Abschließend um nochmal das Stichwort Solidarität in den Raum zu werfen, finde ich, dass wir uns zu Beginn gut und solidarisch verhalten haben. Man hat Rücksicht aufeinander genommen, und sich bemüht Kontakte zu reduzieren. Dann wurden wir den ganzen Sommer gewarnt vor genau dieser Situation, die jetzt eingetreten ist. Im September hat Merkel noch vor 19.000 täglichen Neuinfektionen zu Weihnachten gemahnt [11] und wurde dafür belächelt, wenn nicht gar ausgelacht. Und jetzt hatten wir am 22. Dezember [12] 36.000. Dabei scheint die Solidarität ein bisschen hinten unterzufallen. Man will sich nicht weiter einschränken, man passt ja schließlich auf und außerdem trifft es eh nur alte Menschen, denken viele.
Und zu guter Letzt sollten wir nicht nur die reinen Todesfälle betrachten. Bei Corona scheint es auch eine ganze Reihe unschöner Krankheitsverläufe zu geben, die nicht tödlich enden. Ich persönlich kenne Leute, die z.B. nicht mehr salzig oder scharf schmecken können, und das ist ein größerer Einschnitt als es sich vielleicht anhört. Oder Menschen, die auch 5-6 Wochen nach der Erkrankung immer noch nicht wieder fit sind, sondern schlapp und müde. Es gibt aber noch weitere. Doch dazu vielleicht mehr in einer späteren Diskussion.


Lasst uns doch einfach weiterhin solidarisch sein, Abstand halten, Rücksicht nehmen, lokale Unternehmen unterstützen (ich will jetzt gar nicht fragen wie viele Leute ihre Weihnachtsgeschenke bei Amazon bestellt haben, wenn man die gleichen Geschenke auch bei Osiander, Media Markt oder sonst wo hätte bestellen können) und vor allem impfen.

Liebe Grüße und danke für die Gelegenheit meine Gedanken zu äußern.
Nico

Rückmeldung gerne an info@ngehlert.de oder hi@denkversuche.com

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