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Wie ich durch das Schreiben denken lerne

Wer hat sie nicht gehabt: die Tagebücher mit sieben oder acht mit Tinte gesättigten Seiten, die voller Enthusiasmus und mit scheinbar unendlicher Zuversicht geschrieben wurden. Und trotz der anfänglichen Euphorie, scheint es so als hätte der Alltag, mit seinen unvorhergesehenen Attacken, jegliche Hoffnung auf dieses Mal wird es anders’ erdrückt. Doch versuchen wir es immer wieder. Irgendetwas am Schreiben über unser Leben scheint uns zu faszinieren.

In den letzten Monaten habe ich erneut gelernt, warum es wichtig ist zu schreiben. Vor allem über das eigene Leben.

Ein Tagebuch dokumentiert. Nicht nur für sich selbst sondern auch für die Familie, dieser Generation und nachfolgender. Es zeigt Fortschritt, Misserfolg und Erfolg zugleich. Und es verdeutlicht wie gut man es im Leben eigentlich hat (also hoffentlich). In Retroperspektive fällt es uns oft einfacher auch für die Schwierigkeiten, Prüfungen und Ungerechtigkeiten des Lebens dankbar zu sein. Denn oftmals sehen wir erst nach einiger Zeit, vielleicht sogar erst nach Jahren, wie diese uns stark gemacht haben.

Denken und Schreiben

Denken ist keine einfache Sache. Es öfters zu praktizieren würde uns als Individuen und als Gesellschaft sicherlich guttun.

Eine gute Definition beschreibt Denken als Geistige Tätigkeit. Diese Tätigkeit ist hauptsächlich darauf ausgerichtet zwei oder mehr Positionen, wie bei einer Debatte, gegeneinander argumentieren zu lassen. Ziel ist es dabei die eigenen Gedanken zu präzisieren, Widersprüchlichkeiten zu entdecken und zu korrigieren.

Diesen Diskurs mit anderen Personen zu führen ist schon schwierig genug. Argumentieren im Kopf ist ob der mannigfaltigen Ablenkungen, die unser Gehirn uns entgegenwirft, um so komplexer. Mein Ziel ist es was ich über das Denken gelernt habe, zu teilen.

Ein guter Einstieg ist das Tagebuch schreiben. Bewaffnet mit einem Ziel, einem Plan und der Motivation nicht aufzugeben ist es möglich das Scheiben für das Denken zu nutzen. Also vielleicht meine ersten Denkversuche.

Vier Strategien für das Tagebuch schreiben

1. Sich freuen

Egal ob auf Papier, Laptop, iPad oder anderem, es ist nicht wichtig worauf man schreibt. Wichtig ist nur, dass man sich auf das Erlebnis an sich freuen kann. Vielleicht hilft es dem ein oder anderern einen neuen Stift oder ein neues Notizbuch zu kaufen, um sich auf das Schreiben zu freuen. Das macht es einfacher.

2. Immer zur gleichen Zeit

Ziemlich selbsterklärend. Alle Gewohnheiten lassen sich einfacher erlernen, wenn man sie zur gleichen Uhrzeit macht. Für mich persönlich funktioniert der Morgen zwischen 6 und 7 Uhr am besten. Da ist mein Sohn noch nicht wach und meine Gedanken sind noch frisch.

3. Rechenschaft ablegen

Ein Kreuz im Kalender oder eine einfache App (z.B. Momentum für iOS) auf dem Handy hilft den Fortschritt deutlicher zu erkennen

4. Min. und Max. Beschränkung

Von Greg McKeown habe ich in einem Interview mit Matt D’Avella gelernt, dass man sich sowohl eine minimal als auch eine maximale Wortanzahl/Seitenanzahl als Ziel setzen soll. Zunächst klang das für mich ziemlich kontraintuitiv. Die Gefahr ist, ich denken wir kennen dieses Szenario alle, am ersten Tag drei volle Seiten in das Tagebuch zu schreiben, weil wir meinen alles aufholen zu müssen, was wir die letzten Monate versäumt haben. Dieses Pensum kann aber schon bald nicht mehr aufrecht gehalten werden, wenn wir die Erwartungen an uns am Anfang so hoch setzen. Wenn z.B. unsere Minimalgrenze 3 Sätze pro Tag beträgt und unsere Maximalgrenze 10 Sätze, ist das ein Ziel, welches wir jeden Tag erreichen können.

Beständigkeit ist in fast allen Lebenslagen spontanen Ausbrüchen der Kreativität vorzuziehen.

Ein Zitat von Jordan B. Peterson, ein Psychologe der Universität von Toronto (Canada) hat den Wunsch meine Gedanken präziser und genauer auszudrücken noch verstärkt.

Der Hauptgrund, einen Aufsatz (oder Tagebuch) zu schreiben, ist, damit der Autor einen informierten, kohärenten und anspruchsvollen Satz von Ideen über etwas Wichtiges formulieren und organisieren kann.

(Aus Petersons kostenlosem Essay Writing Guide)

Wie der Name meiner der Website schon sagt, sind diese Gedanken lediglich Versuche. Selbst in meinem kurzen Leben habe ich bereits bemerkt, dass keine der Positionen, die es in den mannigfaltigen Debatten und Streitgesprächen gibt, vollkommen objektiv sind. Diese Erkenntnis,die inhärente Subjektivität aller Positionen, sollte alle Beteiligten etwas mehr demütig stimmen als es zuweilen der Fall ist.

Nicht zuletzt möchte ich mich selbst besser verstehen und kennen lernen. Auch meine Positionen, Ansichten und Gedanken werden sich unweigerlich verändern. Hoffentlich sogar.

Und genau das ist es, was ich (im Moment) unter Denken verstehe. Das Ziel, Dinge, physischer und metaphysischer Art, besser zu verstehen.

Dies sind meine Versuche zu Denken.

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