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Der tatsächliche Preis von WhatsApp

Die Datenschutzgrundverordnung ist mittlerweile zu einem Witz geworden. Nicht zu unrecht wurde das ein oder andere Meme über sie erstellt. Aber ich will mal nicht zynisch sein, ich bin froh, dass ich bei jeder Website jetzt wenigstens die Möglichkeit habe die meisten Cookies abzulehnen. Datenschutz ist durch die DSGVO in den Mitgliedsstaaten der EU zu einem Alltagsthema geworden.

In einem solchen Klima informiert WhatsApp mit einem kleinen PopUp Fenster über Veränderungen der Nutzungsbedingungen und der Datenschutzrichtlinie, welche ab 8. Februar in Effekt treten sollen. Dann soll, wenn nicht schon zugestimmt wurde, automatisch zugestimmt werden oder man kann die populärste Nachrichten-App nicht mehr benutzen.

Update: Aufgrund der öffentlichen Empörung soll die Änderung der AGBs auf Mitte Mai verschoben werden.

Jeder hat WhatsApp. Und genau darum ist die Nachrichten-App für so viele Menschen so wertvoll. Die Facebook-Tochterfirma besticht zwar durch die vielen kostenlosen und ausgeklügelten Funktionen, wobei der Hauptgrund für den astronomischen Erfolg von WhatsApp (2 Billionen Nutzer) auf den oben genannten Grund zurückommt: alle haben WhatsApp; und das macht den Messenger fast unersetzlich.

Nicht in der EU

Die Skepsis gegenüber WhatsApp/Facebook ist nicht unbegründet. Aber sachlich scheint die Aufregung um die kleine Veränderung in den AGBs, die in einer nicht-vernetzen Welt kaum Aufsehen erregt hätte, nicht gerechtfertigt. Denn für Europäer wird sich kaum etwas ändern.

Obwohl diese Änderungen auch auf alle WhatsApp-Apps innerhalb der EU angezeigt wurden, hat Niamh Sweeney, WhatsApp’s director of policy for the Europe, Middle East, and Africa market, auf Twitter klargestellt, dass die mit der EU in den DSGVO Verhandlungen ausgehandelten Vereinbarungen auch jetzt eingehalten werden.

Also bedeutet das Entwarnung für uns? Nicht so schnell. Meines Erachtens ist es nebensächlich ob diese neusten Veränderungen der WhatsApp AGBs (das Teilen von Nutzerdaten zwischen WhatsApp und Facebook) im Februar bzw. Mai auch in der EU eingeführt werden oder nicht.

Dabei wurde doch das Ziel des Konzerns deutlich: Facebook möchte die Daten der verschiedenen Plattformen gerne verknüpfen. Denn folgender Grundsatz gilt: Je mehr und je genauere Daten das Großunternehmen hat, umso effektiver kann es auch Werbeanzeigen schalten.

WhatsApp und die Sammlung von Metadaten

Auch ohne die neuen Veränderungen in den AGBs sammelt WhatsApp fleißig Daten; Metadaten um genau zu sein. WhatsApp wirbt nämlich fleißig damit Ende-zu-Ende-Verschlüsselung zu haben, was bedeutet, dass der Inhalt der Nachrichten nur von Absender und Empfänger durch einen speziellen Schlüssel geöffnet werden kann.

Meistens sind aber Metadaten fast genauso wertvoll wie die eigentlichen Daten selbst. Metadaten sind Informationen über die Daten. Obwohl also WhatsApp nicht den Inhalt der Nachrichten lesen kann, weiß der Konzern wem, wann und wie oft Nachrichten gesendet werden und welche anderen Aktivitäten zu der jeweiligen Benutzer-ID zurückverfolgt werden kann. Genau solche Daten sind es, die die Monetarisierungsmaschine von Facebook vorantreiben.

Beispielsweise sammelt WhatsApp Nutzungsmuster wie häufig und wann bestimmte Funktionen und Gruppen genutzt werden. Es werden Daten über das Endgerät (welches Handy, welcher Rechner, welches Modell), Status-Informationen, Gerätspezifische IDs, Transaktionsdaten (Nutzungs- und Protokollinformationen, Geräte- und Verbindungsdaten und teilweise der Standort gesammelt. siehe: Privacy Policy WhatsApp

Und welche WhatsApp-Daten werden mit Facebook geteilt?

Zu den Informationen, die wir mit anderen Facebook-Unternehmen teilen, gehören zum Beispiel: Informationen zur Account-Registrierung (wie deine Telefonnummer), Transaktionsdaten, dienstleistungsbezogene Informationen und Informationen darüber, wie du mit anderen (einschließlich anderen Unternehmen) interagierst, wenn du unsere Dienste verwendest. Außerdem werden Informationen zu Mobilgeräten, deiner IP-Adresse und eventuell auch andere Informationen geteilt, die wir im Abschnitt Informationen, die wir sammeln“ unserer Datenschutzrichtlinie aufführen. Es kann sich zusätzlich auch um Informationen handeln, die wir durch Mitteilung an dich oder aufgrund deiner Zustimmung erhalten haben.“ WhatsApp AGBs

Was will WhatsApp mit all den Daten?

Geld machen, das ist nicht weiter verwerflich. Wir leben in einer kapitalistischen Gesellschaft und Facebook, und damit auch WhatsApp, haben das Recht ihren Profit zu maximieren.

Aber wie macht eine billionenschwere Firma wie Facebook ihr Geld, obwohl alle ihre Dienste kostenlos sind? Wir! Das ganze Geschäftsmodell von Facebook, Twitter und Co. basiert auf unsere Zeit und Aufmerksamkeit. Mit jeder Minute, die Nutzer länger auf den jeweiligen Diensten bleiben, wird mehr Geld verdient. Die Algorithmen, die dazu entworfen sind, die Nutzer so lange wie möglich auf den Plattformen zu halten, und die dadurch den Alltag und das Bewusstsein so vieler Menschen (mit-)bestimmen, sind in meinen Augen äußerst Besorgnis erregend.

Es ist davon auszugehen, dass Facebook neue Wege sucht um ihre Produkte (also unsere Zeit und Aufmerksamkeit) effektiver zu monetarisieren. Neben der Zahlungsfunktion, an der Facebook gegenwärtig arbeitet, könnte die Nachrichten-App auch noch zu einem Dienst werden, der auf Basis von hochpersonalisierten Metadaten, welche in komplexe Algorithmen verarbeitet werden, noch mehr Aufmerksamkeit/Zeit von unseren sozialen Kontakten auf Angebote, Produkte und Content“ zieht.

Warum (Meta-)Daten uns doch wichtig sein sollten

Die Fähigkeit eigene Entscheidungen zu treffen scheint mir die wichtigste Freiheit zu sein. Die hochspezialisierten Algorithmen der Social Media Firmen (übrigens auch von Netflix, Amazon uvm.) untergraben diese Fähigkeit. Was aber mit dem ehrenwerten Einwand: ich lasse mich nicht beeinflussen, ich bilde mir meine eigene Meinung“? Leider ist das nicht so. Je mehr Daten eine Firma sammelt, desto mehr Einflusspotential hat sie. Das zeigte schon Facebook mit dem Skandal um Camebrige Analytica im Zusammenhang mit Brexit und der US-Präsidentschaftswahl in 2016.

Werbung und Inhalt werden aufgrund von personenspezifischen Merkmalen in den Newsfeed von Facebook und Co. eingebaut. Das verändert die Lebenseinstellungen von Menschen, ob man es möchte oder nicht.

Ein Lösungsvorschlag - Signal

Gehen wir nochmal von der Prämisse aus, dass WhatsApp hauptsächlich aufgrund des Netzwerkeffekts so wertvoll ist = weil alle anderen den Service auch nutzen. Nichts würde uns (als Gemeinschaft) davon abhalten einen anderen, kostenlosen, Dienst zu verwenden, der keine solchen Metadaten sammelt um (1) von unserer Zeit und Aufmerksamkeit Geld zu machen und (2) uns in die eine oder andere Richtung zu beeinflussen.

Hier kommt Signal ins Spiel. Mir geht es nicht um die App an sich, obwohl ich sie für die beste halte. Andere Nachrichten Apps, wie Threema oder Telegram, funktionieren ähnlich.

  1. Signal ist open-source. Das bedeutet, dass jeder den vollständigen Quellcode lesen kann. Dadurch, dass Experten diesen Code prüfen können, wird sichergestellt, dass keine unsichtbaren oder geheimen Datesammler“ in den Dienst eingebaut sind.
  2. Signal sammelt nur einen Meta-Datenpunkt: die Telefonnummer, welche jedoch nicht auf die Identität zurück geführt werden kann.
  3. Signals Geschäftsmodell basiert zu 100% aus Spenden. Allein daraus ergibt sich die Logik, dass Signal kein finanzielles Interesse daran hat, die Daten (die nicht einmal gesammelt werden) zu verkaufen.

Vergleicht man nun die von Apple erstellten App Privacy Lables“ die die Daten anzeigen, welche mit der eigenen Person verknüpft werden können, wird mein Punkt deutlich.

Bildnachweis

Mit diesem Text versuche ich für etwas zu werben. Nicht für Signal oder gegen Facebook per se, sondern für eine Sensibilisierung dafür, warum Datenschutz für das Individuum wichtig ist. Argumente wie: mir ist es egal ob Facebook/Google etc. alles über mich weiß“ scheinen mir, im Licht von Cambridge Analytica und personenspezifischer Beeinflussung,ehrlich gesagt undurchdacht und kurzsichtig.

Hier liegt die Entscheidung irgendwo auf dem Spektrum zwischen Funktionalität, Bequemlichkeit und Privatsphäre. Egal wie wir uns entscheiden: Vorsicht vor modernen Technologien, die uralte Triebe wie Sex, Tribalismus und soziale Anerkennung ausnutzen! Signal kann diese Triebe nicht ausnutzen, weil die Datenpunkte dafür fehlen.

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