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Über die trügerischen Weisheiten in Zitaten

Ein Für und Wider

Unter jedem YouTube Video, das auch nur im Entferntesten mit Selbstverbesserung oder Motivation zu tun hat, ist der erste Kommentar, also der mit den meisten Likes, ein Zitat von Mahatma Gandhi, Muhammed Ali oder von Friedrich Nietzsche, der als Aphorismus-Gott und Kalenderspruch-Boy eine erneute Renaissance erfährt.

Doch was hat es mit dem Zitate-Teilen und Sprüche-Posten auf sich? Ein Für und Wider.

Die Offenheit von Zitaten

Argument: Zitate sind nichtssagend, weil sie aus dem Kontext gegriffen und damit viel zu offen sind.  
Gegenargument: die Offenheit der Zitate ermöglicht es unterschiedlichen Personen verschiedenartige Lehren in Zitaten zu entdecken.

Zitat als Ausflucht

Argument: Zitate sind Ausflüchte, damit man nicht selber denken muss.
Gegenargument: Ein Zitat wird dann verwendet, wenn die besten Worte schon gefunden wurden; besser kann der entsprechende Umstand nicht auf den Punkt gebracht werden.

Zitat als Selbstschutz

Argument: Zitate werden geteilt, weil man sich hinter den Worten eines anderen, meistens weiseren, Menschen verstecken kann.
Gegenargument: Weise Worte sollten geteilt werden, gerade weil sie weise sind; als Selbstzweck des Zitats.

Zitat als Legitimation

Argument: Zitate werden geteilt, um sich mit der Autorität von berühmten Personen Legitimität zu verschaffen.  
Gegenargument: Die Legitimität kommt nicht durch die Autorität der Person sondern durch den Inhalt des Zitats.

Kommentar: Zitate sind gefährlich. Ihre verlockende Weisheit kann in die Irre führen. Neben dem zu offenen Charakter von Zitaten, der Ausflucht, der Legitimation und dem Selbstschutz, ist das Argument, dass Zitate die jeweiligen Sachverhalte schon in den besten Worten verpackt haben und somit nicht in eigenen Worten beschreiben werden können/müssen, das Häufigste und Heikelste.

Was ist denn das Ziel von Zitate-Teilen? Vorausgesetzt wir lassen die befremdlichen Versuche durch schlaue Zitate selbst weise zu wirken außen vor, so bleibt, meines Erachtens, nur eine Erklärung:  man teilt ein Zitat, weil man in ihm etwas wertvolles, aussagekräftiges entdeckt hat, was man weitergeben möchte.

Sind dann nicht, wenn man den oben genannten Beweggrund als Grundlage nimmt, die eigenen Worte immer die Besten? Kann der Wert, den wir in einem Zitat gesehen haben, überhaupt an einen Nächsten weitergegeben werden, indem wir das gleiche Zitat teilen und hoffen, dass es ähnliche Wirkung auf sie oder ihn hat? Nein, denn jeder Mensch wird das Zitat anders betrachten. Die besten Worte, um das oben genannte Ziel zu erreichen, sind immer die eigenen Worte; egal wie sprachmächtig das Original ist. Der Wert eines Zitates kann nur dann entschlüsselt werden, wenn der Teilende sagt, warum sie oder er das Zitat als gewinnbringend empfand.

Und damit kann das Für und Wider, so denke Ich, zu einem versöhnlichen Ende kommen: das Teilen von Zitaten kann dann wertvoll sein, wenn der Teilende den Grund für den Wunsch das Zitat zu teilen, auch kommuniziert. Dagegen ist kommentarloses Teilen die Auslagerung von Denken, egal ob das aus Faulheit, Zeitgründen oder Unsicherheit passiert.

Bleibt das Zitat einfach ein schöner Spruch oder machen wir die Gedanken zu unseren Gedanken?

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